Geschichte der Nienstedtener Kirche

Das heutige Gotteshaus, zu dessen Einweihung am Sonntag Rogate, am 16. Mai 1751, Georg Philipp Telemann seine Kantate "Zerschmettert die Götzen" komponierte und die Aufführung selbst leitete, ist belegtermaßen der sechste Kirchenbau seit der ersten urkundlichen Erwähnung des "Kerspel Nigenstede" im Jahr 1297. Dieses reichte von Ottensen im Osten bis Wedel/Schulau im Westen, im Norden schloss sich Rellingen an. Zu dem Nienstedtener Kirchspiel gehörten damals noch die Dörfer Klein und Groß Flottbek, Osdorf, Lurup, Schenefeld, Dockenhuden, Mühlenberg, Blankenese, Tinsdal, Sülldorf, und Rissen, dazu die Elbinseln Finkenwerder und Griesen- oder Goriswerder.

Kirchspiele (Kerspele/Karkspele) waren Nachfolger der viel älteren vorchristlichen Thingspele und vereinigten alle Funktionen des öffentlichen Lebens; so wird auch Nienstedten bereits sehr früh als Kult- und Rechtsgemeinschaft von Bedeutung gewesen sein. Die Christianisierung des norddeutschen Raums durch Wanderprediger erfolgte um 800. Ziel ihrer Missionierung waren die alten Ansiedlungen, die Thingspele. Um das Jahr 810 hatte Karl der Große sein Frankenreich bis in den Norden ausgedehnt, hatte eine Grafschaftsverfassung eingeführt und das Kirchenwesen auf eine feste Grundlage gestellt. 831 wurde Ansgar erster Bischof von Hamburg. Aus jener Zeit gibt es für Nienstedten keine Belege.

Über die Vorgängerkirchen ist uns wenig bekannt. Sie standen näher zur Elbe und waren Sturmfluten und Uferabbrüchen ausgesetzt. Für die Neubauten verwendete man das alte Material, was zwar wirtschaftlich war, aber auch eine leichte Bauweise bedeutete. Die ältesten Abbildungen finden wir auf der Hamburger Elbkarte von Melchior Lorichs von 1568 und der Landtafel der Grafschaft Holstein-Pinneberg des Malers und Kartographen Daniel Frese von 1588. Das älteste uns bekannte und noch erhaltene Relikt der Kirche ist ein Bronzetaufkessel aus dem 13. Jahrhundert. Dieser ging l896 in den Besitz der Tochtergemeinde Blankenese über, als diese eine eigene Kirche baute. Heute besitzt die Kirche ein schönes Bronzetaufbecken der Bildhauerin Ursula Querner aus dem Jahr 1967. An der Außenwand ist der Zug der Israeliten durch das Rote Meer als Bezug zu Wasser und Errettung dargestellt.

Aus dem Mittelalter besitzt Nienstedten noch einen Abendmahlskelch von 1420, der in ständigem Gebrauch ist, und ein Exemplar des Messbuches (Missale) zur Einführung einer neuen Gottesdienstordnung im Hamburger Domkapitel, 1509 in Straßburg gedruckt. Es wird heute im Hamburgischen Staatsarchiv aufbewahrt. Nur kurze Zeit später, nämlich 1529, wurde in Hamburg die Reformation durchgeführt, im Pinnebergischen Nienstedten durch einen protestantischen Prediger inoffiziell 1555, offiziell traten die Schauenburger Grafen Pinnebergs erst 1561 zum Protestantismus über. Ein weiteres Relikt aus alter Zeit ist ein Altarrelief "Anbetung der Hirten" aus einer Vorgängerkirche, datiert um 1600. Das Original befindet sich in Museumsbesitz im Schloß Gottorf in Schleswig; ein Gipsabdruck hängt seit dem 250-jährigen Kirchenjubiläum im Mai 2001 als Leihgabe des Altonaer Museums jetzt im Altarraum der Kirche.

Der heutige Fachwerkbau wurde 1750/51 von hiesigen Handwerkern erstellt. Zu der Zeit war Dänenkönig Frederik V. in Personalunion Herzog von Schleswig-Holstein. Sein Spiegelmonogramm unter einer Krone ist an der Westfassade der Kirche, im Oberlicht der inneren Eingangstür und auf den Liednummerntafeln in der Kirche zu sehen. Ein Gesuch der Nienstedtener, ihre Kirche nach ihm zu benennen, wurde von dem Monarchen abgelehnt; Land- oder Bauernkirchen waren des Namens eines Heiligen oder Königs nicht würdig.

Die Kirche besaß ursprünglich eine Arp-Schnitger-Orgel, 1680 für die Vorgängerkirche gebaut und in den Neubau übernommen. Durch mehrere kapitale Umbauten war sie aber Anfang des 20. Jahrhunderts nicht mehr als solche erkennbar, und als sich Mängel bemerkbar machten, ersetzte man sie 1905/6 durch einen Neubau der Firma Marcussen aus Apenrade/Dänemark. Hieran wurden im Laufe der Jahrzehnte Klangveränderungen und Modernisierungen (Elektrifizierung) vorgenommen, leider ließen sich Ende der 1990er Jahre Reparaturen nicht mehr verantworten, so dass man sich für ein neues Instrument der Firma Mühleisen, Leonberg entschied. Diese schöne Orgel, für die der alte Orgelprospekt des Hochkamper Architekten Fernando Lorenzen aus dem Jahre 1906 erhalten blieb, wurde im Festgottesdienst am 6. Mai 2001 feierlich eingeweiht.

Die Sitzplätze in den Logen unter den vorderen Seitenemporen wurden, wie auch andere bevorzugte Plätze, in den frühen Jahren verkauft, um die Baukredite abzutragen. Außerdem bestand noch eine Sitzordnung der Trennung nach Geschlechtern. Die Nordseite war den "Frauens-Personen", die Südseite den "Manns-Leuten" vorbehalten. Den Jungen wurden auf der Empore besondere Plätze angewiesen. 1906 wurde das Gestühl der Kirche vollständig erneuert. Außerdem wurde die erste elektrische Beleuchtung installiert. Eine weitere grundlegende Renovierung erfolgte 1958/9. Es wurden die Kriegervereinsfahnen entfernt, die Fenster und Beleuchtung verändert, der Altar restauriert und eine Ölheizung eingebaut.

1994 war wegen Holzwurmbefalls eine erneute Altarrenovierung erforderlich. Dabei wurden ursprüngliche Farbgebungen des Kanzelaltars und der Altarfiguren (Glaube, Liebe, Hoffnung Treue darstellend) im wahrsten Wortsinn ent-deckt, und der barocke Erstzustand wurde wiederhergestellt. An der Nordseite der Kirche steht ein schönes Denkmal aus der Renaissance: die älteste unserer erhaltenen Glocken, 1647 in Glückstadt gegossen. Sie hat durch einen Sprung ihren Klang verloren. Eine zweite, kleinere Glocke ist eventuell noch älter (d.h. ihr Material), denn sie wurde wegen ihrer "Klanglosigkeit" 1707 umgegossen. Sie tut noch heute zusammen mit zwei neueren aus den Jahren 1955 und 1962 im Turm ihren Dienst und gibt als ihren Auftrag an: "Ich läute zum Gebet, zur Predigt und zur Leichen, ich melde Feuer und Krieg und gebe Friedenszeichen".

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Das heutige Pastoratsgebäude neben der Kirche an der Elbchaussee wurde 1888 als Doppelpastorat für die beiden Pastoren des Kirchspiels, die für die Bezirke Nienstedten bzw. Blankenese zuständig waren, erbaut. Nach Verselbständigung des Blankeneser Kirchenbezirks wurde der östliche Gebäudeteil zum Gemeindehaus umgebaut. Heute sind auch Räume vermietet.

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Zur Gemeinde gehört ein großer Friedhof zwischen Rupertistraße und Elbchaussee mit altem Baumbestand, auf dem sich neben vielen bekannten Namen aus Hamburgs Vergangenheit auch solche aus Künstler- und Schriftstellerkreisen finden. Ein Teil der wertvollen alten Grabdenkmäler ist zu besonderen Museumsbereichen zusammengefasst worden.