Die Kunst in unserer Kirche
Zwei Porträts von Lucas Cranach dem Jüngeren.
Die beiden Porträts sind 1562 in der Wittenberger Cranach-Werkstatt entstanden. Als Lucas Cranach d. Ä. 1553 verstarb, übernahm sein Sohn, Lucas d. J., die Leitung. Bereits in jungen Jahren war er in den väterlichen Betrieb eingestiegen und übernahm nun auch das Management eines manufakturartig mit zahlreichen Mitarbeitern operierenden Unternehmens, das die Aufträge von fürstlichen und hohen kirchlichen Bestellern, Adel und Bürgertum bediente. Vom Vater übernahm Lucas d. J. zudem auch einen reichen Fundus an Bildformeln, die er bis zu seinem eigenen Tod 1586 weiter verwendete. Eine solche Bildformel liegt auch diesen beiden Porträts zugrunde.
Lucas Cranach d. Ä. und Martin Luther verband zeitlebens eine enge Freundschaft. Seit 1505 stand Cranach im Dienst Friedrichs des Weisen. Der sächsische Kurfürst war Luthers Landesherr und sein mächtigster Beschützer. Für die Verbreitung von Luthers Lehre sollte das Bildnis des Reformators eine bis dato ungekannte Rolle als Instrument politischer Propaganda spielen. Um eine rasche und kostengünstige Verbreitung zu erreichen, bediente Cranach sich einerseits des Mediums der Druckgraphik. Parallel dazu entstanden jedoch auch in Öl auf Holz gemalte Bildnisse. Cranach porträtierte Luther in den verschiedenen Phasen seines Lebens, in entscheidenden Situationen und markanten Rollen. So ist der Reformator uns durch seinen »Image-Beauftragten« bekannt als jugendlicher Augustinermönch, als Gelehrter mit Doktorhut, als politisch Verfolgter »Junker Jörg« während seiner inszenierten Gefangenschaft auf der Wartburg, als Ehemann gemeinsam mit der ehemaligen Nonne Katharina von Bora, die Luther 1525 – in Anwesenheit seines Trauzeugen Lucas Cranach – heiratete, als reifer Theologe, und sogar sein Anblick auf dem Totenbett ist uns überliefert.
Das Gelehrten-Doppelbildnis ist als Weiterentwicklung des Ehegattenporträts zu verstehen. Luther nimmt die linke, heraldisch rechte und somit höherwertige Position ein. Als Pendant sitzt ihm Philipp Melanchthon gegenüber, einer seiner wichtigsten Gefährten. Seit 1518 ebenfalls Professor in Wittenberg, auf dem neu eingerichteten Lehrstuhl für Gräzistik, war er zugleich scharfsinniger Verteidiger und Wegbereiter der lutherischen Lehre.
Die frühesten erhaltenen Beispiele von Bildpaaren Luthers und Melanchthons stammen aus den 1530er Jahren. Sie wurden ein gefragtes Thema und hingen in Pfarrhäusern, öffentlichen Institutionen, Porträtgalerien. Die Porträtierten wollen nicht einfach stumme Zeugen einer vergangenen Zeit sein; durch ihre geöffneten Bücher scheinen sie direkt zu uns zu sprechen. Nicht umsonst ist das Schriftbild so gewendet, dass es vom Betrachter aus lesbar ist. Sie halten uns zwei Textstellen aus dem Römerbrief entgegen (links: Römer 3,22–25; rechts, auf Latein: Römer 10,10–12) – als nachdrückliche Erinnerung an das Fundament des evangelisch-lutherischen Glaubens.
Als die beiden Nienstedtener Gemälde, ihrem kleinen Format nach sicher für ein privates Umfeld gedacht, entstanden, waren beide Reformatoren bereits verstorben, aber die Nachfrage nach ihren »Abconterfeiungen« hielt an. Zwar ist dieser Bildtypus noch heute in einer ganzen Reihe von Exemplaren erhalten, in den überwiegenden Fällen haben die Zeitläufe die Bildpaare jedoch auseinandergerissen.
Dass die beiden Nienstedtener Bilder als Gegenstücke erhalten blieben, ist eine Besonderheit und alles andere als selbstverständlich. Seit Generationen im Familienbesitz, hingen die Porträts zunächst auf einem Gut in Vorpommern. Als die Familie 1945 vor den Russen fliehen musste, wurden die Tafeln auf abenteuerliche Weise von einer Hausangestellten gerettet. In Hamburg waren sie dann ab Mitte der 1950er Jahre zu Hause – nur einige hundert Meter von unserer Kirche entfernt, wo sie seit dem Jahr 2012 ihren neuen Platz mitten im Geschehen der Gemeinde gefunden haben.